Zu meiner neuen Folge der Videokolumne bei ZEIT-ONLINE:

Staffelstabübergabe!

Ludwig V. wollte eigentlich Architekt werden. Dann entschied er sich dafür, ins Familienunternehmen einzusteigen. Mit Anfang 40 übernahm der Sohn die Firma, der Vater blieb aber im Unternehmen. Fünf Jahre später kam es zum Crash. Der Sohn schmiss den eigenen Vater aus der Firma. „Ich musste die Reißleine ziehen“, sagt er.

Es gibt kaum einen größeren Einschnitt im Leben als eine Staffelstabübergabe. Beruflich, im Unternehmen – oder auch privat: wenn Kinder sich plötzlich um ihre alten oder kranken Eltern kümmern müssen. Sie pflegen, versorgen. Verantwortung für sie tragen.

Die Staffelstabübergabe ist ein Rollenwechsel, der alle Beteiligten vor enorme Herausforderungen stellt. Denn gegenüber unseren Eltern sind wir die KINDER – egal wie alt wir sind. Was sich auf der Beziehungsebene abspielt, ist – da sind sich Experten einig – viel wichtiger als Fragen der Organisation oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Das Problem: Über die Beziehungsebene wird meist NICHT gesprochen.

Traut der Unternehmer seinen Kindern die Nachfolge WIRKLICH zu? Oder führt er den Betrieb heimlich weiter, zieht hinten den Kulissen die Strippen und verhindert damit Innovation? So war es im oben geschilderten Fall. Der Vater konnte nicht ertragen, dass sein Sohn neue Wege einschlug. Er torpedierte dessen Entscheidungen.

Generell gefragt: Lässt die ältere Generation zu, dass die KINDER nun die sind, die entscheiden.

Die zweite Frage ist mindestens genau so wichtig: Wie gelingt es, aus dem Schatten der „Alt-Vorderen“ wie man früher so sprechend sagte herauszutreten? Sich die Aufgabe zuzutrauen? In die neue Rolle hineinzuwachsen?

Die Psychologie geht davon aus, dass jeder und jede sich in höchst unterschiedliche Rollen bewegt – je nach Kontext: Im Kind-Ich, das entweder angepasst ist oder sich rebellisch auflehnt. Im Eltern-Ich, das andere mal durch Fürsorge, mal durch Kontrolle andere zu vereinnahmen versucht. Und im Erwachsenen-Ich: der Zustand der Reflektion, in dem man sich im Wortsinn (seiner) selbst-bewusst ist. Wir wechseln diese Rollen permanent – manchmal von Minute zu Minute.

Grenzen zu setzen? Wie oft bewegen Sie sich in früh eingeübten Verhaltensmustern, die Konflikte schüren?

Innerlich wachsen (und erwachsen werden) , sich entwickeln heißt: Konflikte, Schmerz, Verhaltensmuster reflektieren und sich aus emotionalen Verstrickungen befreien. Erst DANN sind wir in der Lage, den Staffel zu übernehmen.

Sie werden diese STÄRKE brauchen. Ob als familiärer Nachfolger in einem Unternehmen, ob als Führungskraft, oder familiär: bei der Pflege, der Sorge für Ihre Eltern. Sie stehen auf dem Prüfstand! SIE sind jetzt dran!

Wofür stehen Sie? Wie wollen Sie Ihre Aufgabe angehen? Was werden Sie beibehalten, was wollen Sie anders machen? Welche ZIELE haben Sie? Es ist wichtig, diese Fragen für sich zu klären und die Antworten klar zu KOMMUNIZIEREN!

Und – so antiquiert das klingt, so wichtig ist es: Die Alten, die abtreten, müssen durch klare Symbolik ERLAUBEN, dass die nächste Generation Verantwortung übernimmt.

Ludwig V. und sein Vater haben lange nicht miteinander gesprochen und sich nie mehr ganz versöhnt. Bis zum Tod des Vaters nicht. Das ist traurig. Reden Sie miteinander. Über die neuen Rollen und Verantwortlichkeiten. Über das Loslassen. Bleiben Sie dabei im Erwachsenen-Ich! Damit die Staffelübergabe gelingt – im Privaten wie im Beruf.

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Leseempfehlungen:

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/familienunternehmen-warum-so-viele-betriebe-keinen-nachfolger-finden-13928007.html

http://www.unternehmensnachfolge-in-familienunternehmen.de